Unterstütze die Tagesstätte Olga46 und spende ein Stück Menschenwürde.

Jetzt spenden

Die Olga46 ist die Tagesstätte für arme und obdachlose Menschen in der Olgastraße 46. Hierher kommen Männer und Frauen zum Frühstück oder Mittagessen. Man kann sich hier aufwärmen, Bekannte treffen, sich entspannen, duschen oder Wäsche waschen. Man kann sich beraten lassen und erfährt Hilfe in schwierigen Lebenslagen. Menschen, die arm sind oder auf der Straße leben, bekommen hier das Notwendigste, was man zu einem würdevollen Leben braucht. Und die Olga46 ist immer für sie da, jeden Tag, das ganze Jahr. Deshalb wird sie auch „die Mutter der Straße“ genannt.

In der Olga46 bekommt jeder eine Mahlzeit. Dazu gehört eine warme Hauptspeise, eine kleine Nachspeise, Obst, Kaffee und Tee. Uns ist wichtig, dass unser Essen nahrhaft und gesund ist.

In der Olga46 kann man kostenlos duschen. Es gibt mehrere Duschkabinen für Frauen und Männer.

In der Olga46 gibt es eine Kleiderkammer. Hier kann man warme Jacken, Pullover, Hosen und T-Shirts bekommen.

In der Olga46 kann man sich ärztlich untersuchen lassen. Es werden regelmäßig Sprechstunden angeboten. Die Olga46 bietet auch medizinische Fußpflege an. Besonders für obdachlose Menschen ist eine regelmäßige Fußpflege wichtig.

In der Olga46 kann man Kunst- und Kulturangebote wahnehmen. Jede Woche findet ein Malkurs statt. Es werden kostenlose Tickets für Stuttgarter Kulturveranstaltungen angeboten.

Und wer besucht die Olga46?

Klaus - „Man kann das Leben nicht in Stücke schneiden, es ist ja keine Torte“, Klaus Drotleff lacht. Der 80-Jährige kommt wie viele andere gerne in die Olga46. Das Essen ist gut und die zwei Euro belasten die kleine Rente nicht zu sehr. Dabei hat Klaus Drotleff in seinem Leben mehr Berufe und Erfahrungen zusammen getragen, als manch‘ hochbezahlter Topmanager.

Klaus Drotleff ist in Leipzig geboren. „Unter falschen Umständen“, wie er sagt. Falsch war, dass er ein „uneheliches Kind“ ist, „ein armes, gedemütigtes Kind“, wie er das heute noch beschreibt. Seine Mutter musste ihn gleich nach der Geburt „weitergeben“, den Krieg, die Bombennächte, die hat er bei fremden Leuten erlebt. Einen Tag nach Kriegsende konnte er wieder zu seiner Mutter. Die hatte mittlerweile geheiratet und der neue Mann brachte drei Kinder mit in die Ehe. Das Ehepaar hatte dann noch drei eigene Kinder, so dass Klaus mit sechs Geschwistern aufwuchs.

Klaus Drotleff besuchte die  Volksschule und machte danach eine Lehre als Betriebsschlosser. 15 Jahre war er alt, als er in den Tagen nach dem 17. Juni 1953, dem Volksaufstand in der DDR, verhaftet wurde. Ihm wurde vorgeworfen, in seinem Betrieb die Porträts von Pieck und Grothewohl abgehängt zu haben. Klaus Drotleff verlor seine Lehrstelle, versuchte sich mit Gelegenheitsjobs auf der Messe in Leipzig, doch für ihn war klar, „dass ich hier falsch bin“.

Mit dem Interzonenzug machte  er sich auf nach Hamburg, von hier wollte er weiter nach Amerika.  Gelandet ist er im Ruhrgebiet, in einem Bergwerk. Die Arbeit war hart und verdient hat er fast nichts, das Geld reichte gerade mal, um seinen Geschwistern „in der Zone ein paar Dosen Pfirsiche zu schicken“.
Klaus Drotleff begann von einem anderen Leben zu träumen: Er wollte nach Frankreich, „um zu leben wie Gott in Frankreich“. Ein jugendlich-phantastischer Traum, der schnell geplatzt ist, denn in Frankreich, „da habe ich gleich gemerkt, die sprechen nicht mal deutsch – wie naiv ich war!“. Klaus Drotleff hat sich aus seiner Not heraus zur Fremdenlegion gemeldet und kämpfte im Algerienkrieg. „Ich habe im Krieg gemerkt, wie garstig es in der Welt ist“, sagt er über diese für ihn so prägende Zeit. Eine „permission de nuit“ hat er mit einem Kumpel dazu genutzt, abzuhauen. „Wir waren auf einem Tanzabend, da waren auch nette Mädchen, das hatten wir fast vergessen, wie das ist“.

 Nach seiner Flucht ist er in Stuttgart gelandet und fand dort Arbeit bei einer Gießerei. Mit der Bettstelle im Keller des Betriebes,  „fing mein ziviles Leben an“.  Er, der als Kind „keinen Ton herausgebracht hat“, entdeckte sein Talent zum Sprechen und fand Arbeit als Vertreter. Lachend erzählt er wie er damals Sprachkurse verkauft hat, „endlich konnte ich mal Geld verdienen und ich musste meine Gesundheit dafür nicht opfern.“

 Zweimal war Klaus Drotleff  in seinem „zivilen Leben“ verheiratet und er hat drei Kinder. Heute lebt er von seiner schmalen Rente, verdient sich nebenbei noch auf Flohmärkten was dazu und ist einfach froh, dass es Einrichtungen wie die Olga46 gibt. „Hier wird ihnen geholfen“, witzelt er. Klaus Drotleff ist ein charmanter, ein höflicher Mann, er plaudert gerne und liebt es mit den Worten zu spielen. Nur wenn er sich an die Bombenangriffe, die Zerstörungen, die Toten erinnert, die er als kleines Kind erleben und sehen musste, wenn er vom Krieg in Algerien erzählt, dann sieht man das Grauen in seinen Augen.

Dirk - würde gerne wieder beim Zirkus arbeiten. 49 Jahre alt ist der Mann, der nicht nur als Gast in die Olga46 kommt, sondern dort auch stundenweise Hausmeisterdienste erledigt. Dirk Luberichs hatte keine gute Kindheit. Der Vater „hat mich im Suff immer wieder geschlagen“, mit 17 ist der Junge „rausgeflogen“ von zu Hause.

So wie er das erzählt, überhört man das beinahe und verdrängt damit auch, was das eigentlich bedeutet: Ein Kind, das immer wieder geschlagen wird, einen Vater hat, der trinkt und dann ein Jugendlicher, der mit 17 Jahren auf der Straße steht.

Und sich nicht aufgibt: Dirk Luberichs hat Arbeit gefunden und damit auch ein Stück Heimat. 17 Jahre lang hat er beim Zirkus gearbeitet. Hat geholfen beim Auf-und Abbau der Manegen und hat sich um die Tiere gekümmert, bis eine Krankheit ihn arbeits-und obdachlos machte. Er kennt das, wenn man draußen schlafen muss, sich überlegen muss, wo man aufs Klo kann und wie man die Gebühr dafür bezahlen soll. Dirk Luberichs wohnt heute in einer Wohnung der Caritas zusammen mit vier anderen Menschen. „Wir verstehen uns gut“, sagt er.

Gut tut ihm die regelmäßige Arbeit in der Olgastraße und dass er hier auch einen Ort hat, zu dem er immer kommen kann. „Früher habe ich mal viel getrunken“, erzählt Dirk Luberichs, aber das ist vorbei. „Ich hab‘s selber reduziert , habe jetzt keinen Bock mehr drauf“.

Dirk Luberichs denkt gerne an seine Zeit beim Zirkus zurück. Und er würde gerne wieder bei der „Schaustellerei“ arbeiten. „Umziehen in eine richtige, eigene Bude“, das ist auch noch so ein Wunsch von ihm. Und noch was wünscht er sich: dass die, die ihn manchmal schräg anmachen, „das Gehirn einschalten.“ Und vielleicht, so fügt er hinzu „lernen zuzuhören, denn die wissen ja nicht, wie wir in das alles reingekommen sind“. „Probleme“, so weiß er, „die haben doch eigentlich alle“. Dirk Luberichs wünscht sich vor allem eins: „Dass jeder sich fragt: Wie gehe ich mit dem Anderen um?“

Franz - 77 Jahre alt ist der freundliche Herr, der regelmäßig in die Olga46 zum Mittagessen kommt, die Kreativwerkstatt gerne besucht und im „Olgachor“ anlässlich des 50. Geburtstages mitgesungen hat. „Die Olga“, so sagt Franz Bittner „ist wie eine Oase für mich“. Und mit einem herzlichen Lachen fügt er hinzu: „Ich spüre hier eine gewisse Sympathie.“

 

Franz Bittners Leben verlief wie man so sagt ganz normal, bis zu seiner Scheidung vor mittlerweile 40 Jahren. Die Trennung hat ihm  damals sehr zugesetzt, „ich bekam große emotionale Probleme“, vor allem auch, weil er seitdem keinen Kontakt mehr zu seinen beiden Kindern hat. Franz Bittner ist Elektriker von Beruf. Nach seiner Scheidung hat er öfter den Job gewechselt, war auch arbeitslos. Seine letzte Wohnung war direkt mit einem Job als Hausmeister verbunden. Jetzt lebt er in einer Interimswohnung, „ich habe viel mit Ämtern zu tun – man fühlt sich schon manchmal verwaltet“.
Doch auch er spricht eigentlich viel lieber über die Dinge, die gut sind, über die Momente in seinem Leben, in denen er Glück hatte. Dabei gab es auch ganz andere Zeiten: Drei Monate lang, so erzählt er, hat er kaum was Richtiges zu Essen gehabt. Die Mangelernährung hat mit dazu geführt, dass Franz Bittner kaum noch Zähne hat. Aber, so wischt er das Nachdenken darüber weg: „Es geht mir gut“. In die Olgastraße 46 kommt er fast jeden Tag zum Essen und danach macht er sich auf, um „mich mit meiner Freundin zu treffen“.

 

Und dann erzählt Franz Bittner von seinem Urlaub: „Kennen Sie den Film ‚Das Haus in Montevideo‘?“ fängt er seine Geschichte an. Als junger Mann hat er 1951 diesen Film gesehen. In der Hauptrolle Curt Goetz als Professor Traugott. Eine Komödie, die aus der spießigen Kleinstadt ins Haus nach Montevideo führt. Und außerhalb der Kinos ein Deutschland, „das in Trümmern lag“, wie sich Kurt Bittner noch gut erinnert. Damals träumte der junge Franz Bittner davon, einmal in seinem Leben nach Uruguay in dieses Montevideo zu reisen. Im letzten Jahr hat er sich diesen Traum verwirklicht. „Ganz bescheiden hab ich in Hostels gelebt.“ Hat sich die Reise gelohnt? Franz Bittner strahlt: „Und wie!“ Es gibt sie immer wieder, „diese schönen Momente“, sagt Franz Bittner und fügt hinzu: „Irgendjemand hält vielleicht die Hand über mir“.